Auf ins Glück

Die Reise beginnt

Die frühe Morgendämmerung bricht gerade über Wyelangta herein, wenn ich aus dem Stubenfenster der kleinen Gästewohnung über die Farm der Familie Vogel schaue. Es scheint einen kalten-grauen, nassen Herbsttag zu werden. Bedenkt man die Jahreszeit ist das nichts Ungewöhnliches, doch insgeheim hoffe ich eben doch noch auf einen weiteren dieser sonnig, warmen Tage, wie wir sie vor nur wenigen Wochen geniessen durften. Damals staunte ich in den frühen Morgenstunden, wie die ersten Sonnenstrahlen das ganze Land mit Gold bemalten, bevor sie das saftigste Grün gegen den tief blauen Hintergrund des Spätsommerhimmels enthüllten. Die Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder und eine angenehme Briese trug den sanften süssen Duft der Sommerblumen durch die Luft. Zu jener Zeit war das Hofleben intensiv. Ausser mir hatte niemand Zeit, sich unter einen Baum zu setzen, zu entspannen und die Schönheit der letzten Sommertage zu bestaunen.

Innerhalb nur weniger Wochen wurden über hundert Kälber geboren. Das Dach der neuen Scheune, welche als Unterstand für die Tiere währen den kalten, nassen Wintermonate dienen soll, musste angebracht werden bevor der stürmische Winterwind Einzug hält. Die Felder mussten gedüngt werden und das Gemüse im Garten musste geerntet werden. Und all das kam zusätzlich zur üblichen Tierpflege und Melkroutine – was in sich alleine schon Arbeitstag füllende Aufgaben wären. Arbeiten bis spät in die Nacht und Mithilfe jeder noch so kleinen Hand ermöglichten es, dass Schritt für Schritt alle anstehenden Tätigkeiten erledigt werden konnten. Flaschen Fütterung der neugeborenen Kälber war bei den Kindern ein riesen Hit, doch auch das pflücken von Tomaten und Gurken im Garten und wilden Brombeeren im Wald machten den jungen Farmeraspiranten viel Spass.

Die Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder und eine angenehme Briese trug den sanften süssen Duft der Sommerblumen durch die Luft.

Dieser Abend zeigte mir, was wirklich zählt, denn – wenn auch müde – gingen an jenem Abend alle glücklich und zufrieden, erfüllt von tiefen Gefühlen der Bedeutsamkeit, der Zugehörigkeit und der Dankbarkeit ins Bett.

Wenn Zeit und Energie es zuliessen, machten sich die Männer auf frühmorgendliche Jagdausflüge. Sie verliessen das Haus in der Dunkelheit. Hoffnungsvoll, dass sie so die Tiere in der Früh beim Fressen auf den Felder überraschen können. Die Jagd wurde jeweils gründlich geplant und gut vorbereitet. Nichtsdestotrotz waren die Jäger jedoch meist erfolglos. Die Ausnahme war Bauer Hans, welcher von seinem einzigen Jagdversuch gleich einen jungen Hirschbock nach Hause brachte.

Am darauffolgenden Wochenende bereitete dann die Bäuerin Susanne einen genüsslich saftigen Hirschrücken zum Abendessen zu. Mit ihrer währschaften Landküche führ sie die Menschen an einem Tisch zusammen. Ihre unermüdliche Arbeit hinter den Kulissen ist es, was Feste wie dieses Jagdmal erst ermöglichen und so gemütlich machen. An solchen Abenden  stellt die Freude und dasLachen die Arbeit in den Hintergrund. Jeder darf seine Geschichte erzählen, jeder wird als Held gefeiert und gehaltvolle Gespräch unter Freuden haben genauso Platz wie der plumpe Witz, Momente des Schweigens und temperamentvolle Diskussionen. Dieser Abend zeigte mir, was wirklich zählt, denn – wenn auch müde – gingen an jenem Abend alle glücklich und zufrieden, erfüllt von tiefen Gefühlen der Bedeutsamkeit, der Zugehörigkeit und der Dankbarkeit ins Bett.

Milchproduktion kennt keinen Ruhetag, doch am Sonntag und an anerkannten Feiertagen wird die Arbeit auf das Notwendigste beschränkt und das, selbst während den arbeitsintensivsten Zeiten. Einmal die Woche werden die wenigen Stunden zwischen dem Melken frei gehalten für Hobbies, persönliche Interessen oder Ausflüge. Mir blieb insbesondere die Fahrt an den Johanna Beach in Erinnerung. Weicher Sand, mächtige Wellen und eine angenehm kühle Brise – der perfekte Ort für ein Sonnenuntergangs Picknick. Die Kinder spielten im Sand und alle badeten ihre Füsse im kühlen Wasser der Tasmanischen See während die Sonne über dem Great Otway unterging.

Inzwischen hat der Winter Einzug gehalten und das typische Wetter für diese Gegend Victorias scheint bleiben zu wollen. Die Temperaturen sind deutlich gesunken und sogar in den geheizten Wohnräumen fühlt es sich fröstelnd kühl an. Der Wind, der durch jede noch so kleine Ritze der Wohnung bläst, ist ein zu starker Gegner für das kleine Feuer, das die ganze Nacht über schwächlich im Ofen flackerte. Draussen hastet dicker Nebel vom dunklen Wald her über ein karg bewachsenes Feld auf das Haus zu. Geister ähnliche Kreaturen, ständig ihre Form ändernd, eilen geräuschlos auf mich zu. Fasziniert von den mystischen Bewegungen des Nebels im kühlen Licht der frühen Morgenstunden starre ich in die verzaubernde Landschaft. Ein leichtes Schaudern gleitet über meinen Rücken. Noch immer fühlt sich diese Stimmung unheimlich an; und das obschon in der vergangenen Woche fast jeder Tag so begann. Ich trete näher an die Fensterscheibe heran. Langsam presse ich eine Hand gegen das kalte Glas. Die kondensierten Wasserperlen am Fenster suchen langsam nach einem Weg um meine Hand herum. Draussen hetzen scheinbar scheue, grauweisse Kreaturen auf mich zu. Ich kann nicht mit Sicherheit ausmachen, ob sie gejagt werden oder einfach nur tanzen. Eine dünne weisse Hand streckt sich zögerlich nach mir aus. Ich halte meinen Atem an. Doch kurz bevor sie mich berühren kann, löst sie sich ins nichts auf. Reflexartig ziehe ich meine Hand zurück und trete vom Fenster Weg. Mein Herz pocht.

Eine dünne weisse Hand streckt sich zögerlich nach mir aus. Ich halte meinen Atem an…

Oder ist es das grosse Unbekannte und all die potentiellen Herausforderungen, welche uns zurückhalten?

Etwas aufgewühlt blinzle ich einig Male, als die kalte Stille plötzlich von raschen, kurzen Schritten über den Holzboden gebrochen wird. Es tönt als würde meine Familie auch allmählich aufstehen. Noch in den Pyjamas rennen die älteren zwei Kinder lachend durch die Räume. Währenddessen macht sich der Rest der Familie für den Tag bereit. Die ersten Stunden des Tages verlaufen meist hektisch bei uns, doch heute scheint alles noch etwas lebendiger als sonst. Eine andere Energie ist in der Luft. Ich nehme grosse Begeisterung und Spannung war. Kein Wunder, sollte doch heut DER TAG sein. Der Tag, auf welchen ich schon so lange warte. Der Tag, welchen wir seit Wochen vor uns herschieben. Vorbereitungen für allerlei Eventualitäten liessen uns beschäftigt und sorgten dafür, dass unser Abreisedatum immer weiter hinausgeschoben wurde. Manchmal wunderte ich mich, ob wir unser Reise durch Australien überhaupt noch anpacken würden. Es schien fast, als würden wir die Zeit bei Vogel’s auf der Farm so sehr geniessen, dass wir gar nicht mehr weiterwollen. Oder ist es das grosse Unbekannte und all die potentiellen Herausforderungen, welche uns zurückhalten? Das Leben im engen Raum eines Wohnwagens erweist sich selbst für die stärksten Beziehungen als Herausforderung. Wenn man nun drei Kleinkinder und eine hölzerne Reisebegleitung zur Gleichung hinzufügt, so wird aus Ferien rasch ein Vierundzwanzigstunden-Job. Nicht zu wissen, wie lange die Reise überhaupt dauern wird und wo wir uns danach ein permanentes Zuhause einrichten werden, erschwert vermutlich den Schritt das Vertraute loszulassen noch zusätzlich. Ich muss zugeben, selbst mir wird etwas wehmütig zu Mute, wenn ich daran denke den Hof verlassen zu müssen. Nicht zuletzt bin ich hier Teil meiner Familie geworden. Doch das Leben passiert ja nicht in der Vergangenheit und Grosses wächst bekanntlich nur ausserhalb der Komfortzonen. Zudem spricht mir die neuste Wetterveränderung und der steile Temperatursturz nicht zu. Ich glaube, von meiner Seit her ist kein weiteres Abwägen mehr nötig. Ich bin bereiter denn je los zu fahren und die Weite und Vielseitigkeit Australiens zu entdecken. Nun bleibt mir nur noch zu hoffen, dass meine Familie gleicher gesinnt ist.

Doch das Leben passiert ja nicht in der Vergangenheit und Grosses wächst bekanntlich nur ausserhalb der Komfortzonen.

Bitte, lass es nicht wahr sein! Lass Sie nicht ihre Meinung ändern…

Bisweilen sieht es vielversprechend aus. Alle habe fertig gefrühstückt und nun packen die Kinder ihre Spielsachen – ein Säckchen nach dem anderen- in den Wohnwagen. Das haben sie vorher noch nie gemacht und so habe guten Grund meine Hoffnung aufrecht zu erhalten.

Zwei Leibe hausgemachtes Brot sind am Backen und das Müesli ist gemischt, bereit zum Rösten sobald die Brote aus dem Ofen kommen. Mutter Franziska leert die Schränke und packt deren Inhalte in verschiedene Boxen. Aufgrund des limitierten Platzes und Gewichtsbeschränkungen für sicheres Ziehen des Wohnwagens kann nur das Nötigste mit uns auf die grosse Reise kommen. Alles andere wird auf der Farm zwischengelagert. Vater Stephan kontrolliert erneut Auto und Wohnwagen um einmal mehr sicher zu gehen, dass alles funktioniert und in gutem Zustand ist. Alle Indizien weisen darauf hin, dass es ihnen ernst ist, heute loszufahre.

Es ist kurz nach 11 Uhr. Plötzlich verlangsamt sich alles –schlimmer noch – es geht rückwärts! Franziska hat soeben eine Tasche wieder aus dem Auto geholt und beginnt auszupacken… Bitte, lass es nicht wahr sein! Lass Sie nicht ihre Meinung ändern! Oh, …es sind nur die Sandwiches für die Kinder. Anscheinend sind sie hungrig und da immer noch einige Arbeiten anstehen ist es wohl ein weiser Entscheid, die Kinder glücklich zu behalten.

Um 2 Uhr zügeln Stephan und Franziska immer noch Kisten. Weitere zwei Stunden verstreichen bis schliesslich alles dort ist, wo es hingehört. Die Wohnung ist leer und sauber geputzt. Doch ist es zu spät um loszufahren? In nur zwei Stunden wird es dunkel sein. Vielleicht sollten wir die erste Nacht im Wohnwagen noch auf der Farm verbringen und so testen, ob wirklich alles funktioniert wie geplant. Morgen in der Früh loszufahren würde zudem mit dem Vorteil kommen, dass wir bei Tageslicht reisen könnten. Eine wichtige Überlegung in Australien, wo viele Tiere während der Dämmerung und bei Nacht aktiv sind, und so häufig oft Verkehrsunfälle mit teils schwerwiegenden Schäden verursachen.

Nach einer kurzen Diskussion unter der Familie kommen wir zum Entschluss, den Sprung zu wagen und loszufahren. Wir sind uns einig: es ist besser, eine kurze Strecke zu fahren als überhaupt nicht los zu reisen. Wir können ja schliesslich jederzeit anhalten oder gar umkehren, doch ungenützte Zeit ist nicht nachholbar und je später wir losfahren desto weniger Zeit bleibt uns, unseren Traum zu leben.

So werde also die Kinder in ihre Sicherheitssitze gegurtet und ich platziere mich auf einem leeren Rücksitz. Ein emotionaler Abschied, feste Umarmungen und noch rasch eine weitere Jagdvereinbarung unter den Männern für unsere Rückkehr bevor wir endlich losfahren. Wohin? Geographisch gesprochen rund um Australien, die genau Route ist jedoch noch nicht ausgearbeitet. Emotional sind jedoch alle im Bilde bezüglich unserer nächsten Destination: Auf ins Glück!

Wir können ja schliesslich jederzeit anhalten oder gar umkehren, doch ungenützte Zeit ist nicht nachholbar und je später wir losfahren desto weniger Zeit bleibt uns, unseren Traum zu leben.

Auf ins Glück!

Du möchtest erfahren, wie meine Reise weitergeht? Melde Dich für meinen Newsletter an um regelmäßige updates über Lissi’s Reise zu erhalten.

Anmeldung

Dir gefällt diese Seite und Du möchtest den Inhalt oder Teile davon weiterverwenden? Kopiere richtig und frage erst um Erlaubnis.

Nutzungsanfrtage
By |2018-02-04T21:56:58+00:00Januar 19th, 2018|Categories: Australien, Australien, Victoria, Victoria|Tags: , , , |0 Comments

Über den Autor/die Autorin:

I am the mother of three young children and as such, creative life management is my daily business. Albeit demanding high levels of creativity, my busy parenting schedule leaves little room for artistic work other than fixing broken stuff, creating space for artistic expression for the little ones and capturing the memories of our daily life with my digital photo camera. With Lissi now part of our family, and us travelling Australia, I have the extraordinary opportunity to help create Lissi’s website and share some of the memories I captured with the world.

Hinterlassen Sie Ihren Kommentar