Die Erste Etappe

Unterwegs

Wir haben es endlich geschafft! Wir sind unterwegs! Noch immer muss ich mich selber immer wieder kneifen, um sicher zu gehen, dass ich nicht träume. Die Fahrt durch die alten Wälder der Great Otway Region Richtung Colac ist ein spektakulärer Auftakt für unser Abenteuer. Obschon wir diese Strecke regelmässig befahren haben während wir auf der Farm lebten, verblüfft mich die Landschaft immer noch wie bei der ersten Durchfahrt. Ich betrachte das magische Lichtspiel der Sonne Strahlen, welche einen Weg zwischen den Blättern der Bäume und Riesenfarne hindurch suchen zu scheinen. Tiefhängende Nebelschwaden schleichen unter Ästen und Riesenfarne hervor und breiten sich langsam um die Stämme der alten Giganten aus. Diese Bilder erfüllen mich mit tiefer Geborgenheit und Harmonie. Anders als heut Morgen scheint nun die Sonne ihr weiches Spät-Nachmittagslicht zwischen den Löchern der Wolken hindurch. Die Tausenden von Wasserperlen an den Blättern, Gräsern und Zäunen glitzern als wäre Glimmer über der Welt ausgestreut worden. Wenn ich diese wundersame Veränderung der Landschaft betrachte, frage ich mich, ob ich wirklich weg von hier will? Bin ich bereit alles was ich habe für das Leben in einem Wohnwagen einzutauschen? Wie wird es sein, immer unterwegs? Was wenn es mir nicht gefällt? Ich kann ja nicht einfach zurück oder? Werde ich jemals wieder zurückkehren können?

Die Tausenden von Wasserperlen an den Blättern, Gräsern und Zäunen glitzern als wäre Glimmer über der Welt ausgestreut worden.

Die Tausenden von Wasserperlen an den Blättern, Gräsern und Zäunen glitzern als wäre Glimmer über der Welt ausgestreut worden.

In meinem Kopf herrscht Stossverkehr. Fragen um Fragen reihen sich auf und fordern Antworten, welche nicht zu existieren scheinen. Ich fühle mich gefangen in meinen eigenen Gedanken, unfähig diese Veränderung meiner Gefühle zu verstehen. Es fühlt sich an, als währen all die Erwartungen, die Begeisterung und Hoffnung von heute Morgen in sich selbst zusammengefallen in ein unendlich tiefes Nichts. Wo bin ich da nur reingerutscht? Wieso habe ich mich je entschieden für diese Reise mit Menschen, welche ich kaum kenne, auf unbestimmte Zeit und ohne klaren Reiseplan?

Doch nicht einmal diese Frage kann ich beantworten. Genauso wenig weiss ich, wie ich zu dieser sogenannten „Familie von mir“ gekommen bin und weshalb ich eigentlich geblieben bin. Eines Tages war ich einfach da, bei den Limacher’s, hörte ihnen zu wie sie von ihren Reiseplänen erzählten und war begeistert davon, Teil dieser Reise zu sein. Es fühlt sich an als wäre ich immer bei dieser Familie gewesen. Basierend auf ihre Erzählungen sind Limacher’s jedoch erst kürzlich von ihrem zweijährigen Aufenthalt in Singapur zurück nach Australien gezogen. Ich habe keine Erinnerungen an ein Leben anderswo als auf der Farm. Ich besinne mich lediglich an die Begeisterung, Australien ausgiebig zu bereisen und and die ganzen Vorbereitungen auf den heutigen Tag hin. Wo ist diese Abenteuerlust denn nur hingegangen? Was hat sich verändert?

Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass einmal mehr Grau den Kampf über den Himmel gewonnen hat. Eine Veränderung, die ich seltsamerweise schätze. Es fühlt sich vertraut an und erinnert mich an all die Morgen, an welchen ich am Fenster im Wohnzimmer darauf wartete, auch nur den kleinsten Strahl Sonnenlicht zu Gesicht zu bekommen. Wenn ich damals in das Grau der nebligen Herbstlandschaft blickte, träumte ich von der grossen, spannenden Welt hinter den Wolken; einer Welt, die nur darauf wartet entdeckt zu werden; eine Welt voller Farben, Geräuschen, Düften und verschiedensten Beschaffenheit. Genau! Ich habe gehofft, den weichen, weissen Sand unberührter Strände zwischen meinen Zehen zu spüren. Ich träumte davon in einem Feld von blühenden Wildblumen zu liegen und den Schmetterlingen beim Tanzen zuzuschauen und ich stellte mir vor, wie ich mich von den einzigartigen Outback-Sonnenuntergängen verzaubern lasse. Ich hoffte, die Vielfältigkeit Australiens zu erleben und ich träumte davon, mein zu Hause zu finden. Nicht einfach ein Ort an dem ich blieb, weil mich der Zufall dorthin brachte, sondern den Ort meiner Wahl. Mein Daheim! Ein Ort, an dem ich fühle, dass ich hingehöre, ein Ort der Zufriedenheit und Entspannung; ein Ort an den ich mich bei Bedarf zurückziehen kann und wo ich die Türen für Freunde und Familie öffnen kann, wann immer ich Lust dazu habe. Die verzauberten Wälder des Great Otway’s wecken in mir dieses Gefühl von Heimat, doch so lange ich nicht auch Fuss auf fremden Boden gesetzt habe, werde ich nicht mit Sicherheit wissen, dass das hier mein zu Hause ist. Nun, worauf warte ich denn noch? Pack’s an Lissi, erforsche die Welt und finden den Platz, welchen du Heimat nennen kannst!

Die heutige Strecke führt uns nach Ballarat, einer alten Gold-Rausch Stadt ungefähr 150km nordöstlich von Wyelangta. Von dort aus möchten wir Australien von Süden nach Norden via Zentralaustralien durchqueren, danach Richtung Westen reisen und die Spektakuläre Kimberley Region kennenlernen. Von Broom aus planen wir der Westküste entlang nach Perth zu fahren und dann via den Nullarbor wieder zurück nach Wyelangt zu reisen. Wenn meine Familie bis dann noch nicht müde vom Reisen ist, werden wir Sydney einen Besuch abstatten gehen, und anschliessend wieder Richtung Norden bis an die Sunshine Coast reisen. So wie ich weiss auch meine Familie nicht genau, wo sie sich nach dem grossen Abenteuer niederlassen möchten. Ursprünglich aus der Schweiz haben sie inzwischen ein paar Jahre in Sydney gelebt und sind dann für zwei Jahre nach Singapur gezogen bevor sie vor wenigen Monaten wieder zurück nach Australien kamen. Nun, zurzeit ist der Wohnwagen und all die Orte, welche wir damit besuchen werden unser aller Heim.

Ein erneuter Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass etwas Zeit fortgeschritten ist. Wie wir durch das pittoreske Daylesford fahren, beginnt das Tageslicht allmählich in Dämmerung überzugehen. Das kleine Städtchen sieht hübsch aus, selbst unter grauem Himmel. Historische Gebäude und nostalgische Häuschen schmücken die Hauptstrasse. Schon bald führt uns eine dunkelgrüne Baumarkade aus dem malerischen Ort hinaus. Wir fahren weiter vorbei an fahlgrünen Feldern und Farmland, durch verlassene Weiler und scheinbar vergesse Dörfer hindurch, Erinnerungen an vergangene Zeiten, wo die Hoffnung auf Goldfunde Leute aus aller Welt nach Victoria brachte.

Der Verkehr ist minimal und so erreichen wir Ballarat gerade vor Einbruch der Dunkelheit. Für die erste Nacht im Wohnwagen haben wir uns einen sehr gut ausgestatteten Campingplatz mit Spielplatz, Hupf Kissen, Spiel und TV Raum, Bodenheizung in allen Nasszellen und einer Campingküche mit Backofen und Kräutergarten genommen. Nur schade, dass wir so spät ankommen. Zu gerne hätte ich das Hupf Kissen ausprobiert oder vielleicht doch auf der Schaukel meine Seele etwas baumeln lassen. Nun, wenigsten kommt meine Familie in den Genuss warmer Füsse unter der Dusche und wichtiger noch, wenn sie aus der Dusche rauskommen, denn die Temperatur ist inzwischen auf 10oC gesunken.

Heute wird die Abendroutine der Kinder kurzgehalten. Sie sind müde und können es kaum erwarten, ihre Etagenbetter auszuprobieren. Es dauert denn auch nicht lange, bis die letze Nachttischlampe ausgelöscht ist und alle tief und fest schlafen. Alle ausser mir. Aufgrund meiner nicht ganz menschlichen Beschaffenheit brauche ich keinen Schlaf. Auch muss ich nicht essen oder private Zeit auf dem Sitz mit dem Loch verbringen. Damit habe ich die Zeit auf meiner Seite: Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Erleben und schliesslich mehr Zeit zum Leben. Es mag langweilig erscheinen, nächtelang darauf zu warten bis jemand aufwacht doch meisten bietet mir die Nacht einen Einblick in eine Welt, welche für die meisten Menschen ein ewiges Geheimnis bleibt. Doch das ist eine Geschichte für ein andermal.

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By |2018-02-11T15:01:43+00:00Januar 29th, 2018|Categories: Australien, Victoria|Tags: , , |0 Comments

Über den Autor/die Autorin:

I am the mother of three young children and as such, creative life management is my daily business. Albeit demanding high levels of creativity, my busy parenting schedule leaves little room for artistic work other than fixing broken stuff, creating space for artistic expression for the little ones and capturing the memories of our daily life with my digital photo camera. With Lissi now part of our family, and us travelling Australia, I have the extraordinary opportunity to help create Lissi’s website and share some of the memories I captured with the world.

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